Traditionellen Bögen: Auszugskurven erklärt

Wie wird die Auszugskurve ermittelt?

Wenn man einen Artikel von einem neuen Bogen liest, wird man sehr häufig auch mit einer Auszugskurve konfrontiert. Die Auszugskurve ist ein interessantes Hilfsmittel, um den Bogen besser beschreiben zu können. Leider können viele Schützen damit wenig anfangen. Wenn man jedoch weiß, wie solch eine Kurve zu interpretieren ist, kann man, ohne den Bogen jemals geschossen zu haben, in Kombination mit optischen Abbildungen die Schießcharakteristik interpretieren und die Wurfleistung einschätzen.

Hat man kein professionelles Gerät zur Verfügung, bleibt eigentlich nur die Möglichkeit, mit einer Zugwaage für jeden Auszug die entsprechenden Werte in eine Tabelle einzutragen und dann eine Kurve mit Excel zeichnen zu lassen (Bilder 1). Das ist zwar etwas zeitaufwendiger, aber man bekommt trotzdem die wesentlichen Aussagen genau zu sehen. Exaktere Auszugskurven können eigentlich nur mit einem speziellen, meist teuren Gerät ermittelt werden. Wichtig dabei ist, dass die Zugwaage auch wirklich genau ist. Federzugwaagen sind sehr ungenau, und daher weniger zu empfehlen. Besser geeignet sind digitale Waagen. Bogenmessgeräte, mit den entsprechenden Zusätzen, können das (Bild 2).

Compoundbogen
Hier ist es sicher schwierig es mit der Hand zu machen. Außerdem wird die Auszugskurve meist vom Hersteller selbst geliefert. Und der hat das nötige Equipment.

Ein Compoundbogen hat einen anderen Kurvenverlauf wie ein Lang- oder Recurvebogen. Die Pfundanzahl erhöht sich bis zu einem gewissen Punkt, „Peak" genannt und fällt dann wieder in das sogenannte „Tal" ab. Dabei gibt es eine Zuggewichtsreduzierung. Diese wird „Let Off" genannt und beträgt in der Regel 80 bis 90 Prozent. Man hält also nur mehr 10 oder 20 Prozent des eigentlichen Zuggewichts. Nach dem Tal gibt es wiederum einen leichten Anstieg bis zu einem Punkt, wo man nicht mehr weiter ziehen kann. Dieser Punkt wird „Wand" genannt. Damit hat der Compoundschütze dann den optimalen Auszug erreicht (Bild 3).

Traditionelle Bögen
Hier ist das Prozedere eigentlich gleich wie beim Compoundbogen, allerdings mit einem kleinen Unterschied. Beim Recurve- oder Langbogen wird es keinen Abfall des Zuggewichts geben. Die Auszugskurve des Recurve bzw. Langbogens ist mehr oder weniger linear (Bild 4).

Auch hier wird die Pfundanzahl je Zoll Auszug notiert und später in eine Grafik übertragen. Hier sollte man jedoch nicht mehr als zwei Zoll über die angegebene Auszugslänge des Herstellers ziehen. Bei einem 29-Zoll-Recurvebogen wird die Auszugskurve also maximal bis 31 Zoll gemessen. Kauft man sich einen Bogen von „der Stange", also einen fertigen Bogen, sollte man darauf achten, dass der Bogen auch für so einen Auszug geeignet ist. Üblicherweise wird die Pfundstärke bei einem solchen Bogen bei 28 Zoll Auszug angegeben. Abhängig von Design und Länge kommt bei jedem Bogen irgendwann der Punkt, ab dem das Zuggewicht überproportional zunimmt. Wenn dies innerhalb der vorgesehenen Auszugslänge der Fall ist, spricht man von „Stacking„. Abgesehen vom verminderten Schießkomfort erschwert dieses Stacking das saubere Lösen des Pfeils und erhöht die Streuung des Schützen auf weitere Entfernungen, da sich jede Abweichung von der Auszugslänge umso stärker auswirkt.

Lässt man sich einen Bogen bauen, wird der Bogenbauer sicher darauf achten, dass der Stacking-Punkt jenseits der Auszugslänge des Schützen liegt.

Bild 1:
Tabelle mit einer Zugwaage gemessene Zuggewichte und mit Excel gezeichnete Auszugskurve.
Bild 2:
Exaktere Auszugskurven können eigentlich nur mit einem speziellen, meist teuren Gerät ermittelt werden. Hier: Eine Schussmaschine mit Messung des Zuggewichts.

Bild 3:
Prinzipielle Darstellung einer Auszugskurve eines Compoundbogens.
A: Standhöhe
B: Höchstes Zuggewicht (Peak)
C: Let Off
D: Wand
E: Gespeicherte Energie
Bild 4:
Prinzipielle Darstellung einer Auszugskurve von traditionellen Bögen, wie Selfbow, Langbogen oder Recurve.
A: Standhöhe (hier 7,5 Zoll)
B: Höchstes Zuggewicht (Peak)
C: Kraftlinie
D: Gespeicherte Energie

Bogendesign

Das Bogendesign hat eine direkte Auswirkung auf die gespeicherte Energie und damit Leistungsfähigkeit des Bogens. Sichtbar wird das in der Fläche, die unterhalb der Auszugskurve entsteht. Je größer, desto mehr Energie wird gespeichert. Bögen unterscheiden sich hauptsächlich in der Vorspannung. Speichert ein Bogen weniger Energie, kann er natürlich auch weniger an den Pfeil abgeben. Deshalb ist eine Vorspannung wichtig, um die Leistungsfähigkeit eines Bogens zu erhöhen. Das bedeutet, dass nicht alle 60-Pfund-Bögen auch gleich effizient sind. Der Unterschied von Recurve zu Langbogen dürfte jedem klar sein. Der Unterschied zwischen einem Langbogen mit geraden und Reflex-Deflex-Wurfarmen wird aber oft übersehen. Wenn man sich dennoch für einen geraden Stecken entscheidet, ist das eher mit der eigenen nostalgischen Einstellung zum Bogen zu begründen. Der Unterschied in der gespeicherten Energie kann da schon mal 10 Prozent und mehr betragen.

Bei einem langen Auszug wird viel Energie in den Wurfarmen des Bogens gespeichert. Bei einem kürzeren Auszug bei gleichem Zuggewicht weniger. Zeichnet man eine Auszugskurve mit dem gleichen Zuggewicht aber unterschiedlichen Zuglängen, wird sofort klar, dass der kürzere Auszug weniger Fläche unter der Kurve hat. Tests haben ergeben, dass die Energie pro Pfund Zuggewicht um etwa 3,5% pro Zoll der Zuggewichtsverringerung zwischen 30 und 26 Zoll abnimmt. Unter 26 Zoll ist der Unterschied noch größer.

Auszugscharakteristiken

Vorbemerkung: Die hier dargestellten Kurven sind keine tatsächlichen Messungen, sondern sollen nur die Interpretationsmöglichkeiten verdeutlichen. Teilweise sind die Kurven bewusst überzeichnet, um Details besser zeigen zu können.

Bild 5: Hat ein Bogen durch leistungssteigernde Designmerkmale eine erhöhte Vorspannung, liegt die Auszugskurve über der Kraftlinie. Je höher die Kurve, desto größer ist die Vorspannung. Das Zuggewicht steigt also zu Beginn etwas stärker, ab der Hälfte des Auszugs wird der Bogen gefühlsmäßig aber weicher. So eine Kurve ist typisch für einen Recurvebogen mit ausgeprägtem Kontaktrecurve. Dabei liegt die Sehne über eine längere Strecke auf den Wurfarmen auf. Zieht man weiter, löst sich die Sehne von den Wurfarmen und der Bogen wird dadurch länger und weicher. Die Fläche unter der Kurve ist um den zu Beginn dazu kommenden Anteil größer, was bedeutet, dass mehr Energie in solchen Bögen gespeichert wird und dadurch natürlich die Leistung größer ist.

Bild 6: Der Bogen hat eine Vorspannung, wie sie bei modernen Langbögen mit Reflex-Deflex-Design zu finden ist. Auch hier gleicht sich die Kurve wieder an die Kraftlinie an und verläuft (hier) ab 14 Zoll geradlinig bis zum Vollauszug. Das bedeutet, dass sich der Bogen bis zum Vollauszug weicher ziehen lässt. Das wird allgemein als angenehm empfunden. So wäre eine idealtypische Kurve für einen Hybrid-Langbogen oder durchschnittlichen Recurve, bei dem die Sehne nicht stark am Wurfarm aufliegt.

Bild 7: Im Beispiel liegen die Kraftlinie und Auszugskurve von Anfang bis Ende genau übereinander. Dies ist ein theoretischer Zustand, der bei Bögen in der Praxis eigentlich nicht vorkommt. Die geringe Vorspannung führt dazu, dass sich der Bogen zu Beginn sehr weich und kraftlos anfühlt. Das Auszugsverhalten bis zum Vollauszug wäre linear und daher angenehm. Der Bogen zeigt zwar kein Stacking, hat aber wegen der fehlenden Vorspannung nur eine mäßige Effizienz.

Bild 8: Steigt die Kurve gegen Ende des Auszugs stark an, heißt das, dass der Bogen plötzlich extrem an Zuggewicht zunimmt. Dabei sind schon einige Pfund deutlich spürbar. Das ist das sogenannte Stacking. Das kann nun zweierlei bedeuten.

Zum einen ist der Bogen nicht für diesen langen Auszug gebaut, sonst aber in Ordnung. Aus der dargestellten Kurve kann man auch ablesen, dass dieser Bogen für einen Auszug von rund 26 Zoll gebaut wurde. Das Gleiche kann auch passieren, wenn man einen Bogen, der für 28 Zoll Auszug ausgelegt ist, weiter zieht. Ein Bogen, der am Ende des Auszugs vier bis fünf Pfund pro Zoll zunimmt, ist gegenüber einem, der nur zwei bis drei Pfund pro Zoll zunimmt, viel unkomfortabler zu ziehen und zu schießen.

Bild 9: Dieser Bogen hat eine sehr geringe Vorspannung, vielleicht ist mit der Zeit Set eingetreten, weil die Wurfarme nachgegeben haben, oder er hat eine ausgeprägte Deflexform. Ab der Hälfte des Auszugs steigt das Zuggewicht immer stärker an und im Vollauszug macht der Bogen total zu. Die gespeicherte Energie ist niedrig, die Wurfleistung ist schlecht. Auszugsfehler des Schützen führen schon bei mittlerer Zielentfernung zu einer ausgeprägten Höhenstreuung.

Bild 5:
Beispiel für eine idealtypische Auszugskurve eines Recurvebogens.
Bild 6:
Beispiel für eine idealtypische Kurve eines Hybridbogens. Stärkerer Anstieg zu Beginn und am Ende ein weicher Auszug.

Bild 7:
Dieses theoretische Beispiel charakterisiert einen Bogen mit geringer Vorspannung. Er zeigt zu Beginn ein besonders weiches Auszugsverhalten, das Zuggewicht nimmt über den gesamten Auszug völlig linear zu und steigt auch am Ende des Auszugs nicht zusätzlich an.
Bild 8:
Im diesem Beispiel wird der Bogen über seinen gedachten Auszug von 26 Zoll hinaus gezogen. Der Bogen ist daher für einen Schützen mit 28 Zoll Auszug mit spürbarem Stacking behaftet.
Bild 9:
Diese Kurve charakterisiert einen Bogen mit unangenehmem Auszugsverhalten und geringer Wurfleistung. Das Zuggewicht steigt zuerst sehr langsam, ab der Hälfte des Auszugs aber progressiv. Die Energiespeicherung ist niedrig.

Stacking

Das Stacking hängt auch vom Sehnenwinkel ab. Je kleiner der Sehnenwinkel, desto weicher lässt sich ein Bogen ziehen; und natürlich auch umgekehrt. Und je kleiner der Sehnenwinkel, desto geringer fällt der Kraftzuwachs beim Auszug aus. Bögen, die sich in Griffnähe stärker biegen, zeigen deshalb später Stacking. Der Sehnenwinkel ist bei einem Bogen, dessen Wurfarme sich kurz vor dem Ende biegen, größer. Deshalb tritt hier dieses Stacking früher auf. Ein Hybrid-Langbogen z.B. hat auch deswegen eine bessere Leistung als ein normaler Langbogen, weil er sich näher am Griffstück biegt und die Wurfarmenden mehr Reflex aufweisen. Auch lässt er sich angenehmer ziehen. Recurvebögen mit ausgeprägten Recurves haben einen besonders günstigen Sehnenwinkel und ihr Auszugsverhalten wird daher als besonders angenehm empfunden. Sie stacken erst am Ende der Belastbarkeit des Wurfarmes.

Beispiele für Auszugskurven

• Sehr hohe Vorspannung
• Danach auffällig konstanter Zuggewichtsverlauf bis zum Vollauszug.
• Die niedrige Aufspannhöhe erhöht den Energie-Output.
• Hohe Vorspannung
• Lässt sich bis kurz vor den Vollauszug weich ziehen.
• Zieht vor Erreichen des Vollauszuges etwas an.
• Ab 29 Zoll Auszug wäre 64 Zoll Bogenlänge komfortabler.
• Besonders hohe Vorspannung
• Durch das Öffnen des Reflex sehr weich im Halbauszug.
• Zeigt bei 27 Zoll Auszug, dass die ideale Auszugslänge erreicht ist.
• Weniger Aufspannhöhe würde die gespeicherte Energie deutlich steigern.

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