Ishi der letzte Indianer

Ishi:
Ishi: Ungewöhnliche Schusstechnik

Hinter einer Fleischhauerei an der Koppel durchbricht in Oroville, Kalifornien im Jahr 1911 plötzlich heftiges Hundegebell die morgendliche Stille. Es ist ein kühler Augusttag, und der Sohn des Fleischers wird davon unsanft geweckt. Hastig zieht er sich Hemd und Hose über, entschlossen, der Ursache dieser frühen Unruhe nachzugehen. Draußen kann er zunächst nichts Auffälliges entdecken, also wendet er sich dem kleinen Stall am Corral zu. Kaum hat sich sein Blick an das schummrige Licht gewöhnt, erstarrt er. In einer Ecke erkennt er die Gestalt eines ausgezehrten Mannes, nahezu nackt, lediglich von einem zerrissenen Umhang aus Segeltuch bedeckt.

Der Junge steht Ishi gegenüber – einem Yahi, dem letzten wild lebenden Indianer Nordamerikas. Den Umhang hat dieser sich aus der Plane eines Wagens gerissen. Verängstigt ruft der Junge nach seinem Vater. Der Fleischer verständigt umgehend den Sheriff von Oroville, der kurz darauf erscheint und den Fremden mitnimmt. Ratlos über das weitere Vorgehen sperrt er ihn zunächst in eine Zelle. Ishi ist von panischer Angst erfüllt; seit Jahren ist er überzeugt, dass weiße Männer den Tod bringen. Nahrung und Wasser werden ihm angeboten, doch obwohl er hungrig ist, lehnt er ab. Ein Hirschfellstreifen im Ohr und ein hölzerner Stoppel in der Nase lassen den Sheriff vermuten, er habe es mit einem Verrückten zu tun. Offensichtlich versteht der Mann kein Englisch – oder er weigert sich schlicht zu sprechen und zu essen.

Die Nachricht von dem aufgefundenen „wilden“ Indianer verbreitet sich rasch. Professor T. T. Waterman, Anthropologe an der Universität von Kalifornien, wird hinzugezogen, um den Fall zu untersuchen. Mit Unterlagen zu verschiedenen Indianerdialekten versucht er, Kontakt aufzunehmen. Doch keine Sprache scheint Ishi zu erreichen, kein Laut ruft ein Zeichen des Verstehens hervor. Schon will Waterman aufgeben, als er auf die hölzerne Pritsche klopft, auf der sie sitzen, und die Worte „Swimi“ und „Föhre“ ausspricht. Plötzlich verändert sich Ishis Ausdruck. Seine Augen beginnen zu leuchten, und er fragt: „I nu ma Yaki?“ – „Bist du ein Indianer?“ Waterman bejaht, und sichtbar weicht die Angst aus Ishis Gesicht.

Ishi erweist sich als letzter Vertreter der Yahi, eines südlichen Stammes des Yana-Volkes. Dieses hatte einst in einem abgelegenen Gebiet von etwa sechzig mal vierzig Meilen Größe in den Ausläufern des Mount Lassen in Nordkalifornien gelebt. Seit etwa 1840 wurden die Yana von weißen Siedlern verfolgt und nahezu vollständig ausgelöscht. Von ehemals über 2000 Menschen war Ishi der einzige Überlebende. Sein Schritt aus der Steinzeit in eine Welt von Automobilen und Straßenbahnen sollte später erheblichen Einfluss auf die Verbreitung von Bogen und Pfeil haben.

Man bringt Ishi nach San Francisco an die „University of California“ ins „Museum of Anthropology“, wo er Unterkunft und Verpflegung erhält. Professor Alfred Louis Kroeber übernimmt seine Betreuung und macht ihn mit der modernen Welt vertraut. Zwischen den beiden entwickelt sich eine enge Freundschaft. Kroeber, von Ishi aufgrund seiner Stellung als „Big Chief“ bezeichnet, stellt ihm bald Dr. Saxton T. Pope vor. Pope lehrt Chirurgie an der benachbarten „University Medical School“.

Zwischen Ishi und Pope entsteht ebenfalls eine tiefe Verbindung. Ishi vermittelt ihm umfassendes Wissen über die Herstellung von Bögen und Pfeilen, über Jagdtechniken und das Leben in der Natur. Stundenlang arbeiten sie gemeinsam an Ausrüstung, üben das Schießen und tauschen sich über Sprache und Kultur aus. Als Ishi später erkrankt, bemüht sich Pope mit allen Mitteln, seinem Freund zu helfen. Doch Ishis Körper ist den Krankheiten der modernen Welt kaum gewachsen. In seiner ursprünglichen Umgebung hatte er keinerlei Abwehrkräfte entwickeln müssen. Ishi nennt Pope Ku Wi – Medizinmann, wobei dieser selbst anmerkt, dies liege eher an ein paar einfachen Taschenspielertricks als an seiner ärztlichen Tätigkeit.

Technische Errungenschaften beeindrucken Ishi kaum. Nach Popes Beobachtung betrachtet er die Weißen als kultivierte Kinder, die unnötige Dinge erfinden und verwenden – klug, aber nicht weise. Eine Szene verdeutlicht dies: Als Ishi ein Flugzeug über San Francisco entdeckt, fragt er, ob sich weiße Männer darin befinden. Nach Popes Bestätigung reagiert er lediglich mit einem leichten, nachsichtigen Lächeln und einem Kopfschütteln.

Ishi und sein Förderer
Ishi und sein Förderer Dr. Saxton Pope förderte den letzten steinzeitlichen Indianer.

1914 plant Pope eine Reise in Ishis Heimatgebiet. Ishi zeigt zunächst wenig Interesse und beschreibt die Gegend als unwirtlich: ohne Häuser, ohne Komfort, kalt und lebensfeindlich. Schließlich stimmt er zu. Im Mai beginnt die Gruppe den Ritt. Für Ishi ist das Reiten ungewohnt geworden; das letzte Pferd, dem er vor seiner Begegnung mit der Zivilisation begegnet war, hatte er aus Hunger erlegt und gegessen.

Gemeinsam mit Pope, dessen elfjährigem Sohn Saxton Jr., Waterman und A. L. Kroeber zieht Ishi ins Yahi-Land. Eine spezielle Genehmigung der „California Fish & Game Commission“ erlaubt es ihnen, „… ein Stück männliches Wild zu wissenschaftlichen Zwecken“ zu erlegen.

Entlang des Deer Creek und des Mill Creek schlagen sie ihr Lager auf und genießen das Leben in der Wildnis. Ishi findet zu seiner früheren Lebensweise zurück, trägt wieder einen Lendenschurz und bewegt sich selbstverständlich in der Natur. Die anderen folgen seinem Beispiel, wenn auch weniger konsequent. In vertrauter Umgebung kehren Erinnerungen zurück: alte Lagerplätze, Versammlungsorte, Spuren seines Volkes. An einem Felsen legt Ishi Knochen frei – Überreste eines Bären, den seine Gemeinschaft einst erlegt hatte. Die Expedition kartiert das Gebiet sorgfältig und verzeichnet Orte, an denen sich die Yahi einst vor den Weißen verborgen hielten. Ende Mai treten sie die Rückreise an. Für Ishi bedeutet die Reise mehr als nur Erinnerung: Er gewinnt in seinen Begleitern eine neue Familie, trotz schmerzhafter Vergangenheitserfahrungen. Pope beschreibt die Zeit poetisch – gemeinsame Jagden, Nächte am Feuer, Gespräche über Helden, über Himmel und Ewige Jagdgründe.

Dennoch ist Ishi erleichtert, das Land seiner Vorfahren wieder zu verlassen. Die Wälder sind für ihn von den Geistern der Getöteten erfüllt. Zurück in San Francisco schätzt er den Komfort des Lebens unter Weißen.

1915 begegnen Ishi und Pope Will Compton und Art Young. Schnell entsteht eine enge Freundschaft. Im folgenden Jahr verbringen sie viel Zeit gemeinsam, jagen, bauen Bögen und Pfeile und widmen ihre Freizeit dieser gemeinsamen Leidenschaft.

Auch vor Publikum demonstriert Ishi seine Fähigkeiten. Auf dem Museumsgelände fertigt er Pfeilspitzen aus Bierflaschenglas. In Popes Werk „Yahi Archery“ sind einige dieser kunstvollen Stücke dokumentiert. In den 1990er Jahren erwarb ich ein signiertes Exemplar von Gene Wensels Ausgabe „The Rarest Works of Saxton Pope“, das „Yahi Archery“, „Ishis Medical History“ und „A Study of Bows & Arrows“ vereint – eine Empfehlung für alle, die sich für Ishi und die Kultur von Bogen und Pfeil interessieren.

Spätere Jahre:
Spätere Jahre: Ishi in typischer Kleidung der Zeit. 1916 starb er.

Wahrscheinlich infiziert sich Ishi durch den Kontakt mit Museumsbesuchern mit Tuberkulose. Trotz intensiver Behandlung verschlechtert sich sein Zustand. Sein Körper ist den Krankheiten der Zivilisation nicht gewachsen. Schließlich verliert er den Appetit und leidet unter Fieber. Dennoch bleibt er bis zuletzt gefasst. Spricht Pope über Bogen und Pfeil, zeigt Ishi Freude. Selbst geschwächt arbeitet er weiter, fertigt Pfeile oder erklärt Techniken. Als seine Kräfte nachlassen, unterweist er Pope im Detail. Schließlich stirbt Ishi an einer Lungenblutung infolge der Tuberkulose.

Pope ist anwesend. Ein Abschied im üblichen Sinne existiert in Ishis Sprache nicht. Stattdessen sagt er: „Ich gehe, du bleibst.“

Für die letzte Reise erhält Ishi einige persönliche Gegenstände: Feuerhölzer, einen Bogen, fünf Pfeile, einen Korb mit Eichelmehl, Tabak und getrocknetes Fleisch. Gemeinsam mit seinem Körper werden sie verbrannt, die Asche wird in einer Urne mit der Inschrift „Ishi the last Yana Indian, 1916“ aufbewahrt.

Nach seinem Tod würdigt Pope ihn mit bewegenden Worten. Für ihn endet mit Ishi eine Epoche – die neolithische Zeit. Er beschreibt ihn als freundlich, mutig und ohne Bitterkeit trotz aller Verluste. Ishi habe die Natur verstanden, während die Weißen vieles wüssten, aber auch vieles Falsches. Für Pope war er mehr als ein Studienobjekt – er war Familie. Noch lange erinnert er sich an gemeinsame Streifzüge durch die Wälder. Das Wissen, das er von Ishi erhielt, bildet die Grundlage für das Wirken von Saxton Pope und Art Young, die damit begannen, die Geschichte von Bogen und Pfeil nachhaltig zu prägen.

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