Die Geschichte des Compounds

Holless Wilbur Allen Jr.
Holless Wilbur Allen Jr.

Wilbur Allen ist vielleicht einer der unbekanntesten Erfinder in der amerikanischen Geschichte. Mitte der 1960er-Jahre nahm Allen einen Bogen, der seit etwa 7.000 Jahren relativ unverändert geblieben war, und verwandelte ihn in ein leistungsstärkeres, präziseres Gerät, das schnellere Pfeile mit weniger Kraftaufwand schießen konnte. Das war der Compoundbogen, der in den USA bis heute eine Milliardenindustrie begründete. Den Bogensport in seiner heutigen Form und Umfang gäbe es ohne seine Erfindung schlicht und einfach nicht. Auch das von unseren Lesern so geliebte traditionelle Bogenschießen oder der 3-D-Bogensport würde höchstwahrscheinlich anders aussehen oder gar nicht existieren.

Holless Wilbur Allen Jr
., so sein vollständiger Name, war Bogenjäger. Er war wie viele andere seiner Zunft der damaligen Zeit frustriert darüber, dass Weißwedelhirsche seinen langsamen Jagdpfeilen ausweichen konnten. Er begann deshalb damit, sich zu überlegen, wie man die Pfeilgeschwindigkeit erhöhen könnte. Dabei kam er auf die wildesten Ideen.

Er baute einen Bogen mit langem Mittelteil und sehr kurzen und extrem nach außen gebogenen Wurfarmen. Doch dieser Versuch scheiterte schnell, als der Bogen beim Testen brach. Allen versuchte auch, einen kurzen, leichten Pfeil auf einer Schiene zu schießen, die am Bogen befestigt war, um dadurch eine höhere Geschwindigkeit zu erreichen. Doch das Ergebnis war eine schlechte Durchschlagskraft.

Doch Allen gab nicht auf und begann, sich intensiv mit kinetischer Energie zu beschäftigen. Nachdem er im Physikbuch seines jüngsten Sohnes über kinetische Energie ein wenig nachgelesen hatte, montierte er eine kleine, handelsübliche Flugzeugrolle in die eingekerbten Enden eines selbstgebauten Bogens, dessen Recurves abgeschnitten waren. Er baute eine flaschenzugähnliche Vorrichtung auf diesem Bogen und verwendete eine sehr lange Bogensehne, die er selbst angefertigt hatte, wobei der hintere Teil dieser Sehne als Bogensehne, mit der man dann schoss, diente. Wieder keine Verbesserung. Andere Ideen wurden ausprobiert, aber nichts brachte ihm die gewünschte Geschwindigkeit.

Er hatte seit jeher eine Vorliebe für technische Geräte und die trieb ihn an, zu verstehen, wie etwas funktionierte. Die mechanischen Kenntnisse, die er durch jahrelange Neugier erworben hatte, nutzte er, um das zu bauen, was er sich nicht leisten konnte. Sein Einkommen kam aus einem Unternehmen, das er zu Hause betrieb und das Korbrahmen aus Stahldraht für die Blumenindustrie herstellte. Alle Geräte dafür wurden von ihm selbst gebaut. Beispielsweise auch eine Maschine, die Stahldraht von einer 200-Pfund-Spule abwickelte und automatisch auf ausgewählte Längen schnitt. Diese Maschine bestand aus Teilen von zwei Waschmaschinen, die er auf einem Schrottplatz gekauft hatte, und verschiedenen Dingen, die er zu Hause hatte. Der kommerzielle Gegenwert betrug damals 50.000 US-Dollar, aber er hatte nur 20 US-Dollar aus eigener Tasche dafür ausgegeben.

Die Auswirkungen auf den modernen Bogensport

Der Compoundbogen hat das Bogenschießen revolutioniert. Zum einen ist die Zahl der Bogenjäger weltweit gestiegen, zum anderen sind neue Bogensportdisziplinen entstanden. Vor allem in den USA, wo die Bogenjagd eine anerkannte Jagdart ist, gibt es derzeit rund 8 Millionen Bogenjäger. Das wäre ohne den Compound nicht möglich. Große Hersteller, wie Hoyt, PSE oder Mathews, bauen rund 90 % der Bögen für die Jagd und den Rest für Sportschützen. Jeder der großen Hersteller produziert jedes Jahr etwa eine halbe Million Bögen.

Eine weitere Innovation, die in den USA entstanden ist, ist der 3-D-Bogensport. Bogenjäger haben diese Variante erfunden, um auch in der Schonzeit möglichst realistisch trainieren zu können. In Europa, vor allem aber in den deutschsprachigen Ländern, gibt es den 3-D-Bogensport seit rund 30 Jahren. Die Erfindung des Compounds hat hierbei eine entscheidende Rolle gespielt. Auch das traditionelle Bogenschießen, das ja sehr stark mit dem 3-D-Bogenschießen verbunden ist, gäbe es ohne den Compound und die Bogenjagd in dieser Form bei uns nicht.

Er liebte auch die Jagd und das Fischen. Aber leider konnte er sich die notwendigen Hochseeruten und Rollen nicht leisten, also baute er sie selbst. Aus Stahldraht und Blech entwarf er eine offene Spinnrolle, bei der die Kurbel parallel zur Rute ausgerichtet war und einen Keilriemenantrieb besaß. Der Widerstand der Rolle war durch eine eingebaute Spannvorrichtung für den Keilriemen einstellbar.

Es war wie schon gesagt ein innovativer Geist, der ihn antrieb, stundenlang darüber nachzudenken, wie man eben einen Bogen bauen könnte, der Pfeile schneller schießt. Es ist also nicht überraschend, dass ihm eines Abends im Jahr 1966 ein Geistesblitz kam. „Was wäre, wenn ich das Loch der Rolle nicht in der Mitte, sondern exzentrisch positioniere?„, dachte er. Das war es! Innerhalb von zwei Tagen hatte Wilbur den ersten Compoundbogen gebaut. Er war ziemlich klobig, die Rollen waren aus Holz, der Griff aus Kiefernholz, die Wurfarme aus Eichenparkett, das er mit Glasfaserverstärkung laminiert hatte. Alles wurde zusammengehalten mit Epoxidharz, Nägeln, ein paar Bolzen und etwas Kleber. Aber es funktionierte. Er erzielte eine signifikante Erhöhung der Pfeilgeschwindigkeit im Vergleich zu einem Recurvebogen mit gleichem Zuggewicht. Er erreichte auch nebenbei eine Reduktion des Zuggewichts um 15% und die Möglichkeit, leichtere Pfeile als beim Recurvebogen zu verwenden.

Allen meldete seinen neuen Bogen am 23. Juni 1966 zum Patent an, das im Jahr 1969 erteilt wurde. Obwohl es anfangs große Widerstände gab, fand er schließlich einen Bogenhersteller, der beeindruckt genug war, um die Produktion zu übernehmen. Jennings Archery ließ sich auf das gewagte Unternehmen ein. Bis 1975 verkaufte das Unternehmen über 60.000 Bögen pro Jahr. Im Jahr 1977 gab es bereits 100 verschiedene Modelle von Compoundbögen, während es nur 50 Recurvemodelle gab. Nach nur zehn Jahren Produktion machten Compoundbögen bereits zwei Drittel der amerikanischen Bogenproduktion aus.

Allen erlebte den Beginn der Bogenrevolution noch, starb jedoch 1979 bei einem Autounfall in Montana, bevor die Auswirkungen seiner Erfindung vollständig zu spüren waren. Er wurde in Kansas City auf dem Floral Hills Friedhof begraben und hat einen Ehrenplatz in der Archery Hall of Fame in Springfield, Missouri.

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