Geschwindigkeit und Präzision
Wer sich einen neuen, guten Bogen kaufen möchte, wird sich logischerweise Gedanken darüber machen. Dabei stellt sich oft die Frage: Was will ich eigentlich, einen schnellen oder einen präzisen Bogen? Und oft ist das gar nicht so klar, denn der Bogen alleine ist es nicht. Da spielen noch andere Faktoren mit.
Was wollen Bogenschützen?
Sicher möchte jeder Bogenschütze treffen. Das ist leichter gesagt als getan. Viele wollen das aber ohne großen Trainingsaufwand erreichen. Dabei, so die irrige Meinung, hilft vor allem ein guter Bogen. Ja, ein Bogen, der gut und präzise wirft, hilft sicher. Wer allerdings wenig trainiert oder übt, wird auch mit dem besten Equipment nicht gut treffen. Ein sehr guter Schütze wird sicher aus einem etwas leistungsschwächeren Bogen mehr herausholen als ein schlechter Schütze aus einem guten.
Der Trend geht heute zu Bögen mit eher niedrigem Zuggewicht. Das ist auch gut so. Da das Material in den letzten Jahren immer besser geworden ist, kann man auch mit einem schwachen Recurve und den passenden Pfeilen ohne weiters IFAA-Entfernungen bis 54 Meter schaffen. Schwächere Bögen helfen aber dabei, eine saubere Technik zu schießen; wenn man das auch will. Nur Pfeile fliegen zu sehen ist eigentlich nicht die Erfüllung.
Dann gibt es die Fraktion, für die vor allem die Optik ausschlaggebend ist. „Sieht toll aus, hat aber nur 0,3 Kilo. Und man muss höllisch aufpassen, er verzeiht nix!„ Wer so denkt, braucht sich über die Leistung eines Bogens und sein eigenes Trefferbild eigentlich keine Gedanken machen.
Stichwort Pfeile: Es gibt in der Zwischenzeit eine Unmenge verschiedener Modelle. Für traditionelle Schützen muss es nicht der teuerste Pfeil sein. Bei dem Grad an Präzision, den man mit traditionellem Equipment hat, tun es auch billigere. Aber sie müssen auf den Bogen und den Schützen abgestimmt sein. Leichte Pfeile sind sicher von Vorteil. Auch helfen ein leichteres Spitzengewicht und eine kleinere Befiederung, um eine höhere Geschwindigkeit zu erreichen. Aber nicht jeder braucht möglichst leichte und damit schnelle Pfeile. Dazu aber später.
Was tun viele aber nicht?
Wie schon gesagt, wollen viele hauptsächlich nur schießen und treffen. Dabei ist aber dann ein Treffer oft Zufall. Wer beispielsweise auf 45 Meter einen super Treffer gelandet hat, sollte das nicht unbedingt dem Können zuschreiben. Ob es Zufall war, kann man sehr einfach feststellen. Man schießt einfach noch ein- oder zweimal. Trifft man dann auch noch, dann ist es Können.
Viele halten regelmäßiges Schießen für Training. Das stimmt zu einem gewissen Teil. Geschieht das planmäßig, regelmäßig und nachhaltig, kann man von Training sprechen. Dabei meint planmäßig, dass man sich immer überlegt, was man tut, also einen Plan hat. Unter nachhaltig ist gemeint, dass man besser wird oder zumindest sein Niveau halten kann. Fehlt eines der drei vorher genannten Dinge, spricht man von Üben. Sehr viele ballern sich aber nur die Fehler ins Gehirn.
Ein weiterer Aspekt, um einen guten Bogen zu finden ist sicher auch, dass man sich einigermaßen mit der Theorie beschäftigt hat. Wie funktioniert ein Bogen, was bewirkt ein Reflex-Deflex-Design. Das sind nur einige Aspekte, bei denen man sich auskennen sollte. Auch sollte man einigermaßen in der Lage sein, zwischen Schuss- und Zielfehler unterscheiden zu können. Wer nicht weiß, ob es ein Fehler im Ablass, eine Falscheinschätzung der Entfernung oder die Leistungsfähigkeit des Bogens war, wird immer Probleme haben.
Und damit sind wir auch schon bei einem Thema, an dem man den Einfluss von Bogen und Pfeil ablesen kann: bei der Flugbahn.
Was ist eigentlich die Flugbahn?
Sobald ein Pfeil aus dem Bogen abgeschossen wird, beschreibt er eine ballistische Flugbahn, die von der Masse (m), der Geschwindigkeit (v0) und einem bestimmten Abschusswinkel (α) abhängig ist. Dabei steigt die Flugbahn zuerst an und sinkt nach Erreichen des höchsten Punktes, bis sie wieder auf der Ausgangshöhe landet. Das ist bei allen Bogenarten und verwendeten Pfeilen gleich. Sie kann annähernd als Parabel gesehen werden. Sie ähnelt dieser aufgrund der Schwerkraft und des Luftwiderstands, die auf den Pfeil wirken.
In der Grafik und der Tabelle 1 ist das dargestellt. Man muss aber dazu sagen, dass es eine idealtypische Berechnung ist. Es sind dabei keine sonstigen Umwelteinflüsse oder Einflüsse verschiedener Schusstechniken berücksichtigt.
Was beeinflusst die Flugbahn?
Zum ersten ist es der Abschusswinkel. Stimmt der nicht, wird man das Ziel auch mit dem besten Bogen und der besten Schusstechnik nicht treffen. Und dieser Winkel wird mit der Zieltechnik, egal ob mit einem Visier oder mit einer anderen Methode, erreicht.
Dann ist es die Geschwindigkeit des Pfeils. Diese hängt auch zuerst einmal vom Zuggewicht des Bogens ab. Das Zuggewicht ist die potenzielle Energie, die benötigt wird, um die Sehne in den Vollauszug zu bringen. Je höher das Zuggewicht ist, desto schneller fliegt der Pfeil; logisch. Und das hängt wieder mit dem Auszug zusammen. Je nach Bogenstärke verliert man bei einem Zoll weniger Auszug, eine Menge an Geschwindigkeit. Reduziert sich beispielsweise die im Bild 1 gezeigte Geschwindigkeit um 10 FPS, trifft rein rechnerisch der Pfeil auf 55 Meter um 45 Zentimeter tiefer. Erhöhe ich hingegen die Geschwindigkeit um 10 FPS, dann trifft er 55 Zentimeter höher (Bild und Tabelle 2). Wer sich mit dem Gedanken trägt, einen neuen stärkeren Bogen zu kaufen, sollte zuerst eventuell mal seinen Auszug inklusive Rückenspannung anschauen. Da ist sicher einiges drinnen.
Ein weiterer Aspekt ist die Art der Sehne. Abhängig vom Material, aus dem sie hergestellt ist, kann sie Einfluss auf die Geschwindigkeit haben. Der Einfluss einer dünneren und damit leichteren Sehne ist aber nur minimal.
Auch das Pfeilgewicht hat einen erheblichen Einfluss auf die Geschwindigkeit. Ein leichterer Pfeil wird eine höhere Anfangsgeschwindigkeit haben, während ein schwererer Pfeil langsamer ist. Deshalb sind leichtere Pfeile zuerst einmal zu empfehlen. Aber Vorsicht! Ist das Pfeilgewicht zu gering, kann es zum einen dem Bogen schaden, zum anderen kann aber auch der Pfeil am Ende seiner Flugbahn erheblich an Geschwindigkeit verlieren.
Klassische Flugbahn:
Geschwindigkeit: 185 fps / Abschusswinkel: rd. 5,3° / Pfeilgewicht: 388 Grain / Schaftlänge: 28" / Pfeildurchmesser: 0,3" / Naturfeder / Federnlänge: 4" / Federnhöhe: 15 mm
Flache Flugbahn
Um beim Zielen weniger Probleme zu haben, sollte die Flugbahn möglichst flach sein. Und das betrifft vor allem die Zieltechniken, egal welche man nun verwendet.
Wer mit der Pfeilspitze zielt, sollte darauf achten, dass die Spitze bei allen Entfernungen möglichst nahe am eigentlichen Ziel ist. Eine flache Flugbahn ist dabei natürlich hilfreich. Das Gleiche erreicht man im Übrigen auch mit einem eher hohen Anker unter dem Auge und zum anderen durch einen längeren Pfeil. Letzteres hat aber wieder den Nachteil, dass dabei der Pfeil schwerer ist und die Geschwindigkeit sinkt.
Auch Instinktiv-Schützen – bzw. alle, die mit dem Unterbewusstsein oder dem Gefühl zielen – sind durch eine hohe Pfeilgeschwindigkeit im Vorteil. Der Winkelunterschied von kurzen zu weiten Entfernungen ist damit auch relativ klein.
Möglichkeiten für eine flache Flugbahn
Bogenseitig
Will man eine höhere Geschwindigkeit und damit eine flachere Flugbahn, kann man beim Bogen ansetzen. Eine Idee ist, sich einen neuen zuzulegen. Das bedeutet aber, dass der finanzielle Aufwand dabei sehr hoch ist. Wer nur das Zuggewicht um 5 bis 10 Pfund steigern will, sollte sich das gut überlegen.
Man könnte aber auch etwas Bogen-Tuning einsetzen. Ein höheres Bogeneigengewicht wäre so eine Möglichkeit. Das stabilisiert den Bogen zum einen, zum anderen wird er beim Abschuss durch die Masseträgheit nicht so schnell nach vorne gedrückt und ist damit schneller. Hier müsste man bei Holzbögen allerdings Zusatzgewichte in den Griff einbauen. Bei Take Down-Recurves könnte ein Stabi angebracht werden.
Eine andere Tuningmöglichkeit wäre die Standhöhe. Verringert man sie, wird der Pfeil schneller, weil der Beschleunigungsweg länger ist. Hier ist aber Vorsicht geboten. Die Standhöhe kann nicht beliebig verringert werden. Das geht nur in einem sehr eingeschränkten Maß. Solange der Pfeilflug passt, wäre das ein gangbarer Weg.
Und die Sehne wäre auch ein Ansatzpunkt. Verringert man die Strangzahl, wird der Bogen schneller. Das muss allerdings auch der Bogen aushalten, deshalb Vorsicht und im Zweifel den Hersteller fragen. Der Geschwindigkeitsgewinn ist aber überschaubar.
Pfeilseitig
Eine einfachere Lösung ist aber, beim Pfeil anzusetzen. Zum einen kann man verschiedene leichtere Pfeile ausprobieren. Auch hier ist wieder Vorsicht geboten. Viele Bogenhersteller geben ein Mindestpfeilgewicht pro Pfund Zuggewicht an. Das sollte man tunlichst nicht unterschreiten. In Grafik und Tabelle 3 wurde das Pfeilgewicht um rund 140 Grain reduziert. Der Durchmesser ist wesentlich kleiner. Damit ergibt sich eine Erhöhung der Geschwindigkeit um 20 fps. Und der Pfeil hat bei 55 Meter rein rechnerisch eine um 134 Zentimeter höhere Trefferlage.
Eine gute Möglichkeit ist der Durchmesser des Pfeils. Je kleiner dieser ist, desto geringer ist der Luftwiderstand. Damit steigt auch seine Geschwindigkeit. Hier gilt auch: Versuch und Irrtum. Man muss sich Zeit nehmen und unterschiedliche Pfeile ausprobieren.
Und schließlich kann man auch die Länge und Höhe der Befiederung verringern. Ist der Schaft beispielsweise durch einen Blankschafttest schon gut abgestimmt, kann man ruhig eine kleinere Befiederung wählen. Das hat zusätzlich den Vorteil, dass die Pfeile weniger windanfällig sind.
Auch der nächste Punkt hat Auswirkungen auf den Pfeilflug. Die Lage des Schwerpunktes eines Pfeils in Bezug auf seine Mitte, bekannt als FOC (Front of Center), kann beeinflusst werden. Ein hoher FOC, wenn also der Schwerpunkt weiter vor der Pfeilmitte liegt, kann den Pfeil schneller und stabiler fliegen lassen. Dies bedeutet weniger Luftwiderstand und die Möglichkeit, kleinere Federn zu verwenden. Auch wenn das Gesamtgewicht des Pfeils nur geringfügig zunimmt, bleibt das so.
Schwerer Pfeil:
Holzpfeil / Geschwindigkeit: 165 fps / Abschusswinkel: rd. 5,3° / Pfeilgewicht: 443 Grain / Schaftlänge: 28“ / Pfeildurchmesser: 0,43“ / Naturfeder / Federnlänge: 4“ / Federnhöhe: 15 mm
Durch das wesentlich höhere Pfeilgewicht hat der Pfeil um 20 fps weniger V0 als in Tabelle 1 und erreicht bereits bei 45 m die Nulllinie.
Extrem leichter Pfeil:
Geschwindigkeit: 213 fps / Abschusswinkel: rd. 5,3° / Pfeilgewicht: 249 Grain / Schaftlänge: 28“ / Pfeildurchmesser: 0,25“ / Naturfeder / Federnlänge: 4“ / Federnhöhe: 15 mm
Der Pfeil ist sehr leicht und hat eine um fast 30 fps höhere V0. Damit würde man im Vergleich zu Tabelle 1 bei 55 m eine Überhöhung von 1,3 m haben.
Schützenseitig
Vielleicht sollte man, bevor man alles Mögliche ändert, auch noch einmal seine Schusstechnik ansehen. Auch damit kann man relativ viel Speed herauskitzeln. Je nach Bogenstärke wirken sich nämlich ein oder zwei Zoll mehr oder weniger Auszug gewaltig aus.
Man sollte also vorher einmal seinen Anker, seine Rückenspannung, seinen Auszug und auch das Release genauer ansehen. Bis zu 30 FPS sind hier unter Umständen drinnen.
Wer braucht welchen Pfeil?
Prinzipiell kann gesagt werden, dass ein schwerer Pfeil gut für die Präzision ist. Will man dagegen einen schnellen Pfeil mit einer flachen Flugbahn, muss man akzeptieren, dass sich kleine Fehler in der Schusstechnik wesentlich stärker auswirken können.
Ein Anfänger oder Einsteiger hat logischerweise noch keine perfekte Schusstechnik. Hier wäre also ein schwererer Pfeil anzuraten. Damit wirken sich Fehler nicht so stark aus. Fortgeschrittene können dagegen einen leichteren Pfeil nehmen, wenn die Schusstechnik schon einigermaßen passt. Bei Leistungssportlern, die bei Meisterschaften teilnehmen wollen, muss man das Reglement beachten. Worlds Archery (WA) schießt mit traditionellen Bögen bis 30, International Field Archery Assn. (IFAA) dagegen bis 54 Meter. Wer also auf maximal 30 Meter schießt, braucht Präzision. Und hier ist ein schwererer Pfeil von Vorteil. Muss man dagegen bis 54 Meter schießen, ist neben einer guten Zieltechnik auch ein leichterer Pfeil anzuraten. Je nach Bauweise des Bogens sind 7 bis 8 Grain/Pfund (gpp) und ein FOC von rund 10% zu empfehlen.
Die Moral von der Geschicht
Prinzipiell ist eine hohe Pfeilgeschwindigkeit gut. Damit hat man eine flachere Flugbahn und das Zielen, mit welcher Methode auch immer, ist leichter. Man muss also nicht immer einen neuen Bogen oder neue Pfeile kaufen. Auch eine gute Schusstechnik kann die Pfeilgeschwindigkeit erhöhen. Wer aber vor der Wahl steht, einen neuen Bogen oder neue, leichtere Pfeile zu kaufen, sollte sich für Zweiteres entscheiden. Pfeile sind nun mal billiger.
Geschwindigkeit ist nicht alles. Man sollte auch an die Präzision denken. Und hier geht es letztendlich darum, wie gut man die Schusstechnik beherrscht und wie weit man schießen muss. Wer nur kurze Entfernungen schießt, braucht sich um das Pfeilgewicht weniger Gedanken zu machen.
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