Langbogen: Von der Eibe zu Carbon

Langbögen im Vergleich:
Langbögen im Vergleich: Links: Englische Langbogen mit D-Profil Rechts: Moderner Langbogen mit rechteckigem Profil

Im traditionellen Bogensport hat der moderne Langbogen seinen festen Platz. Technisch ist er zwar dem Recurve unterlegen, trotzdem sind viele Schützen von dieser Bogenart begeistert. Aber steht dieser Bogen in der Tradition historischer Bögen, wie es der englische Langbogen ist?

Setzen wir eine Tradition fort?
Die Geschichte des Langbogens beginnt bereits in der Jungsteinzeit. Im ausgehenden Mittelalter tauchte der englische Langbogen zum ersten Mal in größerem Umfang auf. Die Waliser waren die ersten, die den taktischen Einsatz des Langbogens zur tödlichsten Waffe ihrer Zeit entwickelt haben. Sehr bekannt ist beispielsweise die Schlacht bei Crécy (1346), in der englische und walisische Langbogenschützen ein Massaker unter den zahlenmäßig überlegenen Franzosen anrichteten.

Aber zurück zur eingangs gestellten Frage, ob der moderne Langbogen die Tradition des englischen Langbogens fortsetzt. Genau betrachtet muss man das verneinen. Der moderne Langbogen hat nur die Form des englischen Langbogens. Bauweise und Einsatz sind aber völlig anders.

Bis zur Erfindung des Compoundbogens gab es den Begriff traditionell nicht. Man schoss zu Beginn des 20. Jahrhunderts eben englische Langbögen und mit dem Aufkommen moderner Werkstoffe auch Recurvebögen. Als Abgrenzung zu den technischen Bögen, die in den 1970er-Jahren geschossen wurden, ließ man sich in den USA den Namen traditionelles Bogenschießen einfallen. Damit wird aber nicht die englische oder die asiatische Tradition fortgesetzt. Traditionelles Bogenschießen ist vielmehr die jüngste Bogensportart; und das obwohl der Name eigentlich etwas anderes suggeriert.

Entwicklung des modernen Langbogens
Als Pioniere und Legenden im traditionellen Bogenschießen sind sicher Dr. Saxton Pope und Art Young zu sehen. Sie haben in den Anfangsjahren des 20. Jahrhunderts das Bogenschießen als Sport wiederentdeckt. Wobei hier auch die Jagd als Sport gesehen wurde. Der englische Langbogen diente damals als Vorbild, weil es zu dieser Zeit nichts Besseres gab. Im Laufe der Zeit wurden die Bögen aber immer besser und haben heutzutage nicht mehr viel mit den historischen Vorbildern gemein.

Der moderne Langbogen hat unterschiedliche Bezeichnungen. In deutschsprachigen Ländern wird er einfach als Langbogen bezeichnet. In England wird sehr wohl zwischen dem englischen und dem modernen Langbogen unterschieden. Man nennt ihn dort american flatbow. Die Amis selbst nennen ihn auch nur longbow.

Die Unterschiede
Die Unterschiede zwischen dem modernen Langbogen (in der Folge nur mehr Langbogen genannt) und dem englischen Langbogen bestehen in mehrfacher Hinsicht. Schon das Querschnittdesign des Langbogens ist dem englischen Langbogen überlegen. Bereits in den 1930er-Jahren gab es in den USA eine wissenschaftliche Studie, um herauszufinden, welcher Querschnitt besser ist: Das D-Profil des englischen Langbogens oder ein rechteckiger Querschnitt. Das Experiment ergab, dass letzteres das beste Querschnittsdesign war. Diese Erkenntnis wurde sofort für die Entwicklung eines effizienteren und stabileren Langbogens, des american flatbow, eingesetzt. Ein englischer Langbogen , der als Waffe verwendet wurde, hatte eine Länge von 72 bis 76 Zoll und ein Zuggewicht von über 100 Pfund.

Auch werden die heutigen Langbögen aus modernen Werkstoffen gefertigt. Hier kommen hochwertige Kleber, Glas und Carbon zum Einsatz. Beim englischen Langbogen hingegen nutzte man die besonderen Eigenschaften der Eibe bezüglich Druck- und Zugverhalten. Man kann damit zwar sagen, dass der Langbogen eine Weiterentwicklung des englischen Langbogens ist. Damit wird aber nicht die englische Langbogentradition – wie oben bereits angemerkt – fortgesetzt.

Es fing in der Garage an

In unseren Breiten begannen Anfang der 1980er-Jahre Bogenbegeisterte mit dem Bau traditioneller Bögen. Bis dahin gab es fast nur Bögen, die vor allem in den USA gefertigt wurden. Die Bogenbauer kamen aus allen möglichen Berufen und mussten sich das Know-how im Laufe der Zeit erst erarbeiten. Einen Langbogen, der 1990 als extrem gut und leistungsfähig gesehen wurde, würde man heute eher als „müde Gurke„ bezeichnen. Selbst bei den Schützen fehlte meist die Kompetenz, einen guten Bogen zu erkennen. So mancher Bogen hatte einen Handschock, dass einem fast die Plomben aus dem Gebiss fielen.

Auch war man am Anfang der Meinung, ein echter Bogenschütze müsse einen starken Bogen schießen. Viele begannen mit Bögen um die 55 bis 60 Pfund Zuggewicht. Und einige Turnierveranstalter ließen überhaupt nur Männer teilnehmen, die mindestens 55 Pfund auf den Fingern hatten. Gott sei Dank hat sich das im Laufe der Zeit zum Guten gewendet.

Aber das Know-how der Bogenbauer wurde immer besser und einige wagten im Laufe der Zeit den Schritt in die Selbständigkeit. Nicht jeder konnte aber vom Bogenbau leben. Kauft man sich so einen teuren Bogen, wird er quasi angemessen. Abgesehen von der Optik werden bei solchen Bögen Design, Länge, Zuggewicht, Gewicht und Griff genau auf den Käufer abgestimmt. Dass das auch seinen Preis hat, versteht sich von selbst. Jeder Produktionsschritt wird nämlich per Hand gemacht. So einen Bogen kauft man sich, wenn man genau weiß, was man will. Und man muss da schon mindestens € 900,- rechnen.

Langbögen von der Stange
Nicht jeder, der einen Langbogen kaufen möchte, ist auch gewillt, € 1.000 oder mehr auszugeben. Deshalb entstand im Laufe der Zeit ein anderes Marktsegment. Vor allem Großhändler verlegten sich auf die Produktion von großen Serien. Die Bögen sind dadurch billiger und werden über den Fachhandel verkauft. Einigermaßen funktionierende Langbögen gibt es da schon ab € 200,-. Die wohl größten Hersteller von Langbögen sind: Bignami, Antur, Bogensportwelt, Bearpaw, Beier oder SSA. Diese Aufzählung erhebt nicht den Anspruch auf Vollständigkeit. Sie bringen die Bögen unter eigenem oder neuem Namen auf den Markt. Einige lassen in Asien, andere wieder in Europa bauen.

Kategorien von Langbögen
Der Motor für den Bogensport ist sicherlich der Umstand, dass die Bogenjagd in den USA sehr populär ist. Deshalb wird auch der Langbogen dazu benutzt. Allerdings sind traditionelle Bögen und vor allem der Langbogen nicht unbedingt die beste Wahl. Zum einen ist die Durchschlagskraft nicht all zu groß, zum anderen fehlt es aber auch an der Zielgenauigkeit. Mit einem Langbogen wird man höchstwahrscheinlich nicht weiter als 10 Meter auf ein Tier schießen können. Die Trefferfläche hat nämlich einen Durchmesser von rund 20 Zentimeter. Ein Compound ist dafür wesentlich besser geeignet. Will man aber trotzdem jagen, muss der Bogen einige Bedingungen erfüllen. Er sollte ein Zuggewicht haben, das auch eine gute Penetration garantiert. Mindestens 60 Pfund sind da schon notwendig. Zum anderen muss er auch schnell sein. Und das auch noch mit schweren Jagdpfeilen. Dazu hilft das Zuggewicht und ein kürzerer Bogen.

Wer mit dem Langbogen aber präzise oder auf Wettkämpfen, wie 3-D-, Feld- oder auch Indoorturnieren schießen will, sollte auf etwas anderes schauen. Hier sollte der Bogen möglichst lang und schwer sein. Je nach Körpergröße sollte er bei einem Mann 68 bis 70 Zoll lang sein, bei Frauen 66 bis 68 Zoll. Das Zuggewicht kann hier auch geringer sein.

Leistungsmerkmale von Langbögen Bogendesign

Drei Langbogendesigns:
Drei Langbogendesigns: Je gerader die Wurfarme vom Fade Out bis zu den Wurfarmtips im aufgespannten, nicht gezogenen Zustand sind, desto ruhiger und effizienter ist der Bogen (Bogen rechts).

Das Design sieht man sowohl im abgespannten als auch im aufgespannten Zustand. Im Wesentlichen kann man zwischen Bögen mit geraden Wurfarmen und Bögen mit einem Reflex-Deflex-Design unterscheiden.

Betrachtung im aufgespannten Zustand: Je gerader ein Wurfarm vom Fade Out bis zu den Wurfarmtips im aufgespannten, nicht gezogenen Zustand ist, desto ruhiger und effizienter ist der Bogen. Je mehr Reflex-Deflex man hat, desto mehr wird das Material vorgestresst. Der Bogen sollte hier ein gesundes Mittelmaß in der Vorspannung wählen, wo man die maximale Effizienz erreicht.

Bogenlänge

Hier muss man auch das Verhältnis zwischen Mittelteil und Wurfarmen betrachten. Ein guter Langbogen sollte ein Mittelteil mit rund 55 Zentimeter (22 Zoll) Länge haben. Die Gesamtlänge des Bogens für einen normalen männlichen Schützen wären dann 68 Zoll. Bei längeren Bögen müsste dann auch das Mittelteil etwas länger sein. Länger als 70 Zoll macht nur bei sehr großen Schützen Sinn. Und kürzer als 66 Zoll sollte er auch nicht sein.
Auszugslänge
Die Auszugslänge ist auch vom Gesamtdesign abhängig. Bei einem kurzen Bogen mit z.B. 66 Zoll wäre ein maximaler Auszug von 28,5 Zoll noch ok. Zieht man weiter, wird der Bogen sehr hart, fängt also zu stacken an. Wenn man einen längeren Auszug hat, sollte man dann schon zu einem 68er greifen.
Wurfarme
Für Langbögen werden Materialien wie Glas und Carbon verwendet. Wenn Carbon verwendet wird, sollte es nur auf der Rückseite (dem Schützen abgewandte Seite) aufgebracht werden. Glas kann sowohl vorne als auch hinten verwendet werden. Das Holzfurnier darunter ist eigentlich nur das Trägermaterial. Mit dieser Bauweise kann man leichtere Wurfarme bauen, man erhöht die Torsionssteifigkeit und man bekommt mehr Präzision in den Wurfarm.
Mittelteil
Die Länge des Mittelteils hängt vom Verhältnis Mittelstück zu Wurfarmen ab. Ist das Mittelteil zu lang und die Wurfarme zu kurz, fehlt beim Schuss die Biegung und er wird dadurch sicher nicht schneller. Je nach Auszugslänge sollte es in einem vernünftigen Verhältnis sein: Also 55 Zentimeter Mittelteil zu 68 Zoll Gesamtlänge.
Und je gerader der Wurfarm vom Mittelteil weggeht, also wenig Reflex hat, desto ruhiger schießt der Bogen. Tests eines bekannten Bogenbauers haben das immer wieder ergeben: Möglichst kein Reflex und nur Deflex.
Tiller
Was beim Recurve ein großes Thema ist, ist beim Langbogen natürlich auch ähnlich. Der Tiller ist der Abstand vom Wurfarm am Ende des Fade Outs zur Sehne. Der obere Abstand ist um 2 bis 5 Millimeter größer. Der untere Wurfarm steht damit etwas steiler an als der obere.
Standhöhe
Grundsätzlich gilt, dass ein niedrig aufgespannter Bogen etwas schneller ist. Die Schussruhe leidet aber darunter. Eine höhere Standhöhe bewirkt dagegen mehr Schussruhe. Eine Standhöhe von 7,5 bis 8,5 Zoll, gemessen vom tiefsten Punkt im Griff zur Sehne, ist dabei Standard.
Bogengewicht
Ein schwerer Bogen ist natürlich ruhiger im Schuss. Das Gewicht hängt logischerweise vom Material ab. Man kann dazu Zusatzgewichte, wie Blei oder Wolfram im Griff verbauen oder ein sehr schweres Material verwenden.

Qualitätsmerkmale von Langbögen

Bereits an der Verarbeitung kann man einiges über die Qualität des Bogens erfahren. Dabei unterscheiden sich Custom-Bögen von industriell gefertigten Bögen und an billigen Bögen sieht man es am deutlichsten.

Bild 1: Bei teuren handgefertigten Bögen ist es selbstverständlich, dass sie fast flight-tauglich sind. Feingearbeitetes Auslaufen der Tip-Overlays zum Wurfarm hin ist ein Hinweis auf die Sorgfalt bei der Verarbeitung. Gerade abgeschnittene Overlays eventuell noch mit einer Stufe sind Zeichen für eine maschinelle Bearbeitung.
Bild 2: Je schmäler und je dünner die Wurfarme sind, desto weniger Masse muss bewegt werden und umso mehr Schussruhe ergibt sich daraus .
Bild 3: Das Griffholz (Fade Out) muss sehr fein zu den Laminaten hin auslaufen. Gerade abgeschnittene Fade Outs sind ein Zeichen geringer Verarbeitungsqualität.
Bild 4: Das Griff-Overlay muss sehr fein auslaufen. Gerade abgeschnittene Auflagen mit einer Stufe sind Zeichen für eine maschinelle Bearbeitung.

Bild 5: Je besser der Bogenbauer sein Handwerk beherrscht, desto weiter ist die Pfeilauflage eingeschnitten. Dabei muss man aber die Regeln der einzelnen Verbände beachten. So darf nach IFAA das Bogenfenster nicht über die Mitte geschnitten sein. Mittelteile, die einem Recurvebogen ähneln, sind daher nicht zulässig. Die Pfeilauflage sollte gewölbt sein, damit der Pfeil möglichst wenig Berührung hat.
Bild 6: Ein Pistolengriff ist wesentlich aufwendiger als andere Griffvarianten, deshalb findet man verhältnismäßig wenig Langbögen mit ordentlichen Griffstücken.
Bild 7: Die Kurve der Wurfarme muss gleichmäßig sein und darf keine Ecken aufweisen, wenn man entlang des Wurfarms schaut.
Bild 8: Die Laminate müssen vom Griff bis zum Wurfarmende kontinuierlich dünner werden. Je nach Bogenstärke ist das von 2 mm bis rund 0,5 mm pro Laminat.

Der Langbogen im Vergleich

Betrachtet man die Auszugskurve eines guten Langbogens, so fällt auf, dass die Kurve über der Kraftlinie flacher ist wie beim Recurve. Idealerweise treffen sich Kraftlinie und Auszugkurve bei der gewählten Auszugslänge. Im Beispiel sieht man eine hohe Vorspannung, weil die Auszugskurve zu Beginn stark ansteigt. Der Bogen lässt sich bis kurz vor den Vollauszug (28 Zoll) weich ziehen, zieht aber vor Erreichen des Vollauszuges etwas an. Ab 29 Zoll Auszug würde der Bogen etwas stacken.

Beim Recurve sieht man eine besonders hohe Vorspannung. Durch das Öffnen des Reflex wird er sehr weich im Halbauszug. Bei 27 Zoll Auszug hat er die ideale Auszugslänge erreicht.

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